1.Tempolimits sind in Neuseeland manchmal total unangemessen

Innerorts darf man in Neuseeland meist 50km/h fahren und auf Überlandstraßen sind 100km/h erlaubt. Solange es keinen Grund gibt, die Geschwindigkeit zu reduzieren (Wohngebiet, Baustelle usw) sind eigentlich fast überall 100km/h erlaubt. Wenn man die Hauptstecken verlässt landet man in Neuseeland aber sehr schnell auf schmalen, kurvigen Bummel-Straßen oder sogar Schotterpisten. Das spielt bei den Kiwis keine Rolle: Auch bei fragwürdigen Straßenverhältnissen ist das Tempolimit 100km/h. Und die Einheimischen, die diese Strecken wie ihre Westentasche kenne, fahren dort auch 100km/h. Ich fahre schon sportlich, aber immer den Straßenverhältnissen angepasst. Da darf man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen: Wenn man hinter sich ein paar Autos angesammelt hat, einfach links ranfahren und vorbeilassen.

Ein witziges Beispiel zum Thema Tempolimit in Neuseeland ist der 90 Mile Beach in Northland. Dieser Strand gehört offiziell zum neuseeländischen “Autobahnnetz” und deshalb darf man dort auch 100km/h fahren (siehe Titelbild diese Artikel). Ausprobieren könnt ihr das auf eigene Gefahr.

Premnierministenin Jacinda Ardern will im Übrigen alle Tempolimits in Neuseeland überprüfen lassen, weil es so viele Verkehrstote gitb. Experten schätzen, daß 87% (!) der neuseeländischen Tempolimits zu hoch für die jeweiligen Straßenverhältnisse sind.

2. Wer langsam fährt muss die anderen vorbeilassen

Ja, Punkt 1. und 2. haben zusammen eine ganz spezielle Dynamik… In den neuseeländischen Verkehrsregeln steht ganz klar drin: Wer langsamer als die erlaubte Geschwindigkeit fährt, und hinter sich andere Fahrzeuge angesammelt hat, der muss bei Gelegenheit links ranfahren und diese vorbeilassen. Wer zu langsam fährt muss sich außerdem so weit links halten wie möglich (links, weil ja Linksverkehr!) und darf auf geraden Straßenabschnitten auch nicht plötzlich schneller fahren (um zu verhindern dass man überholt wird). Man muss den anderen Fahrzeugen das Überholen ermöglichen.

Und diese Verkehrsregel wird ernst genommen! Wer beim Langsamenfahren erwischt wird und eine Schlange von Fahrzeugen hinter sich hat, der muss mit einem Bußgeld von (ich glaube) 150 NZD rechnen. In Neuseeland sind viele Straßen einspurig und es gehört zum guten Ton, schnellere Fahrzeuge vorbeizulassen. Tut man das nicht, hat man vermutlich ein paar Kiwis hinter sich, die vor Wut kochen und sich dann zu waaghalsigen Überholmanövern hinreißen lassen. Besser nicht!

Straßenverkehr-Neuseeland schraffierte Fläche in der Mitte

Der breite schraffierte Streifen in der Mitte darf zB zum Abbiegen genutz werden

3. Steifen sind nicht gleich Streifen

Im Großen und Ganzen entsprechen die Verkehrzeichen- und Regeln in Neuseeland dem, was man aus Deutschland gewohnt ist. Bei schraffierten Flächen und Streifen sollte man aber aufpassen.
Innerorts haben größere Straßen oft einen breiten schraffierten Streifen in der Mitte, Flush Median genannt. Anders als in Deutschland darf man diese schraffierte Fläche als Autofahrer wie eine dritte Spur nutzen: zB als Abbiegestreifen oder um sich einzufädeln (erstmal bis zur Mitte fahren). Das bedeutet aber auch, man muss auch damit rechnen, auf diesem Streifen von hinten überholt zu werden, zB wenn ein paar Meter weiter vorne ein Abbiegestreifen beginnt. Ich habe auch schon oft gesehen, dass Lieferfahrzeuge auf diesem Mittelstreifen parken wenn sie entladen, auch wenn das eigentlich nicht erlaubt ist.

Und noch ein paar Streifen, die Neuankömmlinge oft nicht zuordnen können: Eine orangene, unterbrochene Linie am Straßenrand bedeutet Park- und Halteverbot! Da braucht es kein Schild: Wo orangene Striche am Straßenrand zu sehen sind, darf man nicht anhalten oder sein Auto abstellen.

orange Linien am Straßenrand Parkverbot-Neuseeland

Diese orangen Linien bedeuten Park- und Halteverbot

 

4. In Neuseeland lernen Teenager von den Eltern das Autofahren

Während wir in Deutschland Unsummen für Fahrstunden bei einem professioniellen Fahrlehrer bezahlen müssen, ist in Neuseeland ein professionielles, praktisches Fahrtraining keine Pflicht.
Seit August 2011 darf man in Neuseeland erst mit 16 Jahren Auto fahren (vorher durfte man bereits mit 15 ans Steuer). Diese Änderung stieß damals auf großen Protest, vor allen von Familien in ländlichen Gegenden. Dort lernen viele Kinder bereits mit 12 Autofahren um zB auf dem eigenen Farmgelände von A nach B fahren zu können.

Mittlerweile darf man in Neuseeland also erst mit 16 Autofahren. Bevor man ans Steuer darf, muss man sich aber erst die neuseeländischen Verkehrsregeln aneigenen. Dafür gibt es Lernmaterialien und Websites. Besteht man den Theorie-Test erhält man eine Learner Licence. Mit so einer Learner Licence darf man allerdings nur autofahren, wenn ein “Supervisor” mit in Auto sitzt. Ein Supervisor ist eine Person, die mindestens seit 2 Jahren einen vollwertigen Führerschein hat, und die Verantwortung trägt (meist sind das die Eltern). Man lernt also quasi von den Eltern das Autofahren. Außerdem darf man Null Alkohol im Blut haben wenn man auf einer Learner Licence fährt.

Nach 6 Monaten auf der Learner Licence muss man einen praktischen Fahrtest und einen Sehtest bestehen und bekommt dann seine Restricted Licence. Mit einer Restricted Licence darf man alleine Autofahren, allerdings nur tagsüber (nicht zwischen 22 Uhr und 5 Uhr früh). Außerdem darf man keine Passagiere im Auto haben, außer es handelt sich um den Lebenspartner oder die eigenen Kinder. Die Gebühren für die neuseeländischen Führerschein-Tests sind übrigens Peanuts im Vergleich zu den Kosten für einen deutschen Führerschein.

Ich bin ehrlich gesagt immer wieder schockiert zu sehen, wie schlecht manche Neuseeländer autofahren können. Eine Weile lang habe ich in Auckland eine Kollegin morgens mit zur Arbeit genommen. Irgendwann fragte sie mich mal, warum ich immer so zur Seite schaue bevor ich auf den Motorway (Autobahn) auffahre. Da hab ich ihr vom “Schulterblick” erzählt – Davon hatte sie noch nie was gehört! Oh je!
Der Nachteil am neuseeländischen System ist, dass Fehler und Wissenslücken von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wenn die Eltern selbst keine Ahnung haben was ein Schulterblick ist, wie soll der Jugendliche das dann lernen? Also besser immer damit rechnen, dass der Kiwi einfach die Spur wechselt, weil er Dich nicht gesehen hat.

5. Halber Tacho Sicherheitsabstand – noch nie gehört…

Die Tatsache, dass ein ausreichend großer Abstand zum Auto vor einem, im Zweifelsfall über Leben und Tod entscheiden kann, hat sich in Neuseeland noch nicht rumgesprochen. Mehr Abstand zum Vordermann bedeutet ja, man hat mehr Zeit zu reagieren und schafft es im Notfall vielleicht noch zu bremsen. Zwar gibt es Vorschriften, die besagen, dass man ausreichend Abstand halten soll, nur leider hält sich niemand dran (4-second-rule).
Mir wird immer ganz anders, wenn wir in Auckland auf dem Motorway (Autobahn) fahren und um mich herum alle Autos nur 3 Meter Abstand zum Vordermann halten. Wenn da einer scharf bremsen muss…

6. Fahrradfahren in Neuseeland ist lebensgefährlich

Fahrradfahren ist in Neuseeland eher eine Sportart, als ein Fortbewegungsmittel. Es gibt tolle Radwanderwege und Moutainbike-Tracks die man erkunden kann. Wer allerdings ein Fahrrad nutzen möchte um von A nach B zu fahren sollte in Neuseeland auf jeden Fall sehr vorsichtig sein.
In meinen Augen ist Radfahren im normalen Straßenverkehr in Neuseeland lebensgefährlich. Auf Neuseelands Straßen sind nur sehr wenige Fahrradfahrer unterwegs und dementsprechend sind neuseeländische Autofahrer nicht daran gewöhnt, Rücksicht auf Radfahrer zu nehmen.

Als wir noch in Auckland wohnten bin ich eine Zeit lang mit einem 125er Motorroller zur Arbeit gefahren… Und selbst damit wurde ich von manchen Autofahrern nicht als vollwertiger Verkehrsteilnehmer gesehen. Einmal wurde ich im Stadtgebiet sogar von einem Auto abgedrängt, das mich trotz Gegenverkehr überholen wollte (obwohl ich mit der erlaubten Geschwindigkeit unterwegs war). Im Straßenverkehr vergessen die sonst so netten Kiwis teilweise ihre gute Kinderstube und als Radfahrer zieht man da in jedem Fall den Kürzeren.

7. Neuseeland hat statistisch gesehen fast doppelt so viele Verkehrstote wie Deutschland

3275 Menschen sind 2018 auf Deutschlands Straßen ums Leben gekommen. Das ist eine sehr hohe Zahl, allerdings hat Deutschland 82,8 Mio Einwohner.
In Neuseeland sind in 2018 377 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen (4,9 Mio Einwohner). Würde man diese Zahl auf die Einwohnerzahl Deutschlands hochrechnen, wären das 6371. Das ist natürlich nur eine ungenaue Zahlenspielerei, aber man kann deutlich sehen, dass es in Neuseeland fast doppelt so viele Verkehrstote pro Einwohner gibt, wie in Deutschland.

In Deutschland gibt es gut ausgebaute Autobahnen auf denen man wahrscheinlich sehr viel sicherer unterwegs ist, als auf den neuseeländischen Landstraßen. Die vielen im Linksverkehr ungeübten Touristen und Alkohol am Steuer spielen bestimmt auch eine Rolle bei den Unfallursachen in Neuseeland. Und das obwohl Alkoholsünder hier mit vollem Namen in der Tageszeitung abgedruckt werden. Außerdem muss man ganz klar sagen, dass ein Teil der Kiwis wirklich schlechte Autofahrer sind.

Natürlich möchte ich hier niemandem Angst machen. Man kann in Neuseeland ganz normal mit dem Auto herumfahren und die Straßenverhältnisse auf den Hauptstrecken sind meist wirklich gut! Aber es ist auf jeden Fall ratsam vorrausschauend und defensiv zu fahren, denn in Neuseeland muss man auf der Straße mit allem rechnen.

Ach ja, ganz vergessen: In Neuseeland herrscht natürlich Linksverkehr! Und der bringt seine ganz eigenen Tücken mit sich. Deshalb habe ich darüber einen ganzen Artikel geschrieben: 6 Dinge die jeder über den Linksverkehr in Neuseeland wissen sollte und hilfreiche Tipps.