Zwei Fragen, die mir wohl am häufigsten gestellt werden sind: “Was sind denn eigentlich die Nachteile am Leben in Neuseeland?” und “Seid Ihr denn zufrieden mit Euerem Leben in Neuseeland?”. Ich persönlich kann ganz klar sagen, dass wir absolut zufrieden sind, mit unserem Leben hier. Aber es ist nicht alles Schwarz oder Weiß. Zufriedenheit ist relativ und natürlich hat auch das Leben in Neuseeland seine Nachteile. Die Frage ist denke ich, ob die Vorteile für einen persönlich überwiegen.

Ich möchte hier aber natürlich nicht immer nur von meinen persönlichen Eindrücke berichten, sondern über die allgemeinen Probleme von Neuseeland-Auswanderern schreiben. Deshalb habe ich in meiner “Auswandern nach Neuseeland” Facebook Gruppe eine kleine Umfrage zum Thema “Nachteile am Leben in Neuseeland” gestartet. Dabei wurden ein Nachteil von sehr vielen Mitgliedern genannt: Die Entfernung zur Familie in Deutschland.

Die Familie in Deutschland ist weit weg

Wenn man nach Neuseeland auswandert, lässt man in der Regel seine Eltern, Geschwister und andere Verwandte in Deutschland zurück. Die Familie in Deutschland lebt im wahrsten Sinne am anderen Ende der Welt.
Konkret bedeutet das für mich: Ich konnte letztes Jahr nicht auf die Hochzeit meiner Cousine gehen und habe meine 9 Monate alte Nichte bisher nur auf Skype getroffen. Meine Kinder unterhalten sich mit ihren Großeltern, Tanten und Onkels auf Skype bzw sehen sie nur für ein paar Wochen, wenn die vielleicht alle paar Jahre mal nach Neuseeland zu Besuch kommen. Natürlich kann man die Familie in Deutschland besuchen, aber das ist nicht billig! Warum wir erstmal keinen Urlaub in Deutschland planen, erkläre ich in diesem Artikel: 7 Gründe warum wir nicht Urlaub in Deutschland machen. Außerdem fehlt uns als junge Familie natürlich auch die Hilfe der Großeltern im Alltag mit den Kindern.

Wie bleibt man in Kontakt?

Trotz der großen Entfernung habe ich regen Kontakt zu meiner Schwester und meinen Eltern. Ich skype wöchentlich mit meinen Eltern, auch wenn das mit der Zeitverschiebung nicht immer einfach ist. Außerdem bin ich mit meiner Schwester und anderen Familienmitgliedern fast täglich auf Whatsapp in Kontakt. Natürlich können wir uns nicht anfassen, aber was macht denn eine Beziehung wirklich aus? Wir besprechen jede Woche unsere Erlebnisse und Probleme, ich erfahre Details aus ihrem Alltag und nehme an ihrem Leben teil. Trotz oder vielleicht gerade wegen der großen Entfernung, halte ich aktiv den Kontakt.
Es gibt auch einen nicht-öffentlichen Instagram Account wo wir täglich Fotos von uns posten, damit die Familie in Deutschland mitbekommt, was wir hier so treiben. Wer ein paar Eindrücke aus unserem Leben hier sehen möchte, kann uns gerne auf Instagram folgen: Für meinen Blog habe ich einen separaten Kiwifinch Instagram Account .

Bin ich undankbar und verantwortungslos?

Sollte ich mal kurzfristig wegen einem schlimmen Notfall nach Deutschland fliegen müssen (Todesfall, Krankheit), würde es wahrscheinlich mindestens 2 bis 3 Tage dauern, bis ich wirklich dort ankomme. Allein die Anreise von Gisborne nach Nürnberg würde mindestens 30 Stunden dauern. Da meine Eltern natürlich nicht jünger werden, mache ich mir da schon Gedanken.
Und was passiert, wenn die Eltern mal pflegebedürftig oder krank werden? Zum Glück habe ich eine Schwester, die in Deutschland lebt. Aber natürlich fühle ich mich verantwortlich.

Kann man als Eltern von seinem Kind erwarten, dass es in der Nähe wohnen bleibt? Meine Eltern waren zu Anfang ziemlich enttäuscht, dass wir sie “im Stich lassen”. Sie waren ganz und gar nicht begeistert, als wir ausgewandert sind. Mittlerweile haben sie uns schon 3 Mal in Neuseeland besucht und heute können sie unsere Entscheidung nachvollziehen und verstehen. Aber das hat viel Zeit gebraucht. Ich denke mir immer: Wenn ich in Hamburg oder Berlin wohnen würde, dann würden wir uns wahrscheinlich auch nur einmal im Jahr zu Weihnachten sehen.

Viele deutsche Neuseeland-Auswanderer haben aber noch ganz andere Probleme mit der Familie in Deutschland: In manchen Fällen wollen die Eltern und auch andere Familienmitglieder einfach nicht akzeptieren, dass man ans andere Ende der Welt gezogen ist. Solche Familienmitglieder lassen die Auswanderer bei jeder Gelegenheit ihren Unmut spüren.
Manche müssen sich direkte Vorwürfe anhören, man würde sie “im Stich lassen”, würde die “Familie entzweien”, würde “einfach abhauen” und sei “undankbar”und “egoistisch”. Bei anderen ziehen sich die Verwandten zurück oder brechen den Kontakt ab. Das ist ein sensibles Thema und für solche Probleme gibt es keine einfache Lösung. Wenn die Familie so reagiert hat man nur zwei Möglichkeiten: Entweder man lebt sein Leben und lebt mit dem Groll der Famile, oder man beugt sich dem Druck und fristet sein Leben in Deutschland, obwohl man das eigentlich nicht will.

Kann man seine Eltern nach Neuseeland nachholen?

Jein. Es gibt zwar ein Parent Resident Visa, mit dem man als Einwanderer seine Eltern nach Neuseeland nachholen kann, aber die Zahl dieser Visa war schon immer sehr begrenzt. Weil es in der Vergangenheit extrem viele Bewerbungen für dieses Parent Resident Visa gab, wurde diese Visa-Kategorie eine ganze Zeit lang geschlossen. Mittlerweile kann man wieder einen Antrag stellen, aber nur wenn man bestimmte Kriterien erfüllt – und die sind nicht ohne! Momentan (2022) muss man mindestens 106.080 NZD pro Jahr (das doppelte des neuseeländischen Durchschnittslohns) verdienen um einen Elternteil nach Neuseeland holen zu können. Wer alle 4 Eltern (von beiden Partnern) nach Neuseeland holen will muss min 265.200 NZD pro Jahr verdienen.

Deutsche Eltern beziehen wahrscheinlich eine Rente, aber das ist ja nicht in allen Ländern so. Deshalb will man nur Eltern ins Land lassen, die der Einwanderer auch finanziell tragen kann.

Früher war es so, dass das Parent Visa oft ausgenutzt wurde, weil die Eltern mit dem Erwerb des Parent Resident Visa in Neuseeland zB Anspruch auf kostenlose Krankenversorgung im staatlichen System und andere staatliche leistungen hatten. Einige dieser früher eingewanderten Eltern beziehen heute neuseeländische Sozialhilfe und das war natürlich nicht im Sinne des Erfinders. Durch eine Neuregelung des Parent Visa will man solche Fälle in Zukunft verhindern, zB indem festgeschrieben wird, dass Einwanderer finanziell für ihre Eltern verantwortlich sind.

An diesem Parent Visa wird aber ständig herumgedoktert und gearbeitet. Es kann also sein, dass dieser Artikel hier nicht auf dem neuesten Stand ist.

Für mich ist es der größte Nachteil am Leben in Neuseeland

Ein großer Nachteil am Leben in Neuseeland ist definitiv der Fakt, dass die Familie mehr als eine Tagesreise entfernt in einer anderen Zeitzone lebt. Ich spreche immer vom “Parallel Universum”. Mit neuseeländischen Brot und einem Leben ohne Quark und Knödel kann man sich abfinden – Aber von der ganzen Familie getrennt zu sein, damit kommt nicht jeder auf Dauer klar.
Wer plant auszuwandern sollte die Familie so früh wie möglich über seine Pläne informieren und die Gründe erklären. Nur so haben die Verwandten die Gelegenheit, sich mit dem Gedanken anzufreunden und die Entscheidung nachzuvollziehen. Wenn man seine Eltern vor vollendete Tatsachen stellt und kurz darauf das Land verlässt, darf man sich nicht wundern, wenn die Reaktion negativ ausfällt.