Vor 50 Jahren sahen die Feierlichkeiten zum 200-jährigen Jubiläum von Captain Cooks Ankunft in Gisborne noch so aus: Eine Parade zog durch die Stadt, angeführt von einem Wagen mit dem riesigen Kopf von Captain Cook. Gefolgt von einem Wagen mit Nachbau seines Schiffs, der Endeavor. Gefeiert wurde die “Entdeckung Neuseelands” durch Captain Cook.

Heute, nur 50 Jahre später sieht die ganze Sache etwas anders aus. Gefeiert wird die Geschichte der Seefahrer (auch die der polynesischen) und man gedenkt der Maori, die beim ersten Zusammentreffen von Cook mit den “Eingebornen” ihr Leben verloren. Captain Cook wird nicht mehr nur als Entdecker gesehen, sondern auch als Eindringling und Mörder. Die neuseeländische Geschichte muss neu geschrieben werden….

Heute nimmt man an, dass die Polynesier etwa um das Jahr 1280 in Neuseeland angekommen sind. Diese ersten Einwanderer sind wohl die Vorfahren der heutigen Māori. In den Überlieferungen der Maori heißt es, die Vorfahren seien aus “Hawaiki” nach Neuseeland gekommen. Dabei handet es sich aber wohl nicht um einen spezifischen geografischen Ort, sondern eher um einen mythischen. In sieben Hochsee-Kanus sollen die ersten polynesischen Siedler nach Neuseeland gekommen sein und einige Maori können auch heute noch benennen, auf welchem der Kanus die Vorfahren ihres Stammes in Neuseeland ankamen.

polynesisches Doppel-Kanu

Nachbau eines polynesisches Doppel-Kanu in Gisborne

Die Urahnen Kupe, Toi (Toitehuatahi) und Turi werden in Erzählungen und Mythen der Maori immer wieder als große Seefahrer und Entdecker erwähnt. Neben den Maori besiedelte wohl noch ein weiteres Volk Neuseeland: Die Moriori. Welche Rolle sie spielten ist aber noch relativ unerforscht und heute sind sie ausgestorben.
In den folgenden Jahrhunderten kamen noch einige polynesische Boote in Neuseeland an und die Vorfahren der Maori besiedelten große Teile der Nordinsel und die nördliche Südinsel. Sie waren nicht nur geschickte Jäger und Fischer, sie bauten auch Gemüse wie zB Süßkartoffeln an.
Kämpfe unter den verschiedenen Maoristämmen waren nicht selten und oft wurden an strategisch günstig gelegenen Stellen sogenannte Pā errichtet (burgähnliche befestigte Dörfer).

 

 

Abel Tasman war der erste Europäer der neuseeländische Küsten erreichte und kam 1642 in Neuseeland an. Damit gilt er als der “Entdecker Neuseelands”. Seine Crew versuchte in der Golden Bay (Nelson) an Land zu gehen, wurde aber von den dort lebenden Maori vertrieben und in die Flucht geschlagen.

Wer war Captain Cook?

Erst mehr als 100 Jahre später kam 1769 der Engländer Captain Cook in Neuseeland an – und zwar genau hier in Gisborne. Schon vom Schiff aus, sah er Rauch an Land und wußte, dass das soeben entdeckte Land schon bewohnt war. In seinen Aufzeichnung steht, dass er mehrere Kanus in der Bucht sah. Außerdem konnte er Menschen und Hütten an Land sehen.
Als er am 8. Oktober 1769 an der Mündung des Turanganui River zum ersten mal an Land ging, hatte er leider gleich unschöne Auseinandersetzungen mit den dort ansässigen Maori. Cook und seine Männer töteten 9 Maori, unter anderem einen Häuptling. Cook nannte die Bucht “Poverty Bay” (toller Name, Danke Captain Cook!) und segelte weiter. Auf seiner Reise kartopgraphierte Cook die Küsten Neuseelands.

Statue von Captain Cook der Neuseeland entdeckt hat

Statue von Captain Cook der Neuseeland “entdeckt” hat, in Gisborne

Nach Captain Cook kamen noch andere europäische Entdecker nach Neuseeland zB Marc Joseph Marion du Fresne. Der hatte aber ziemliches Pech: Dort wo er 1772 an Land gehen wollte hatten die lokalen Maori Stämme gerade eine kriegerische Auseinandersetzung. Er und 24 seiner Männer wurden getötet. Außer ihm kamen im 18. Jahrhundert noch viele andere Seefahrer, Wal-und Robbenfänger und Missionare nach Neuseeland.

Für die Maori bedeutete die Ankunft der Europäer sicher nichts Gutes: Als Captain Cook Ende des 18. Jahrhunderts ankam lebten wohl zwischen 100.000 und 120.000 Maori in Neuseeland. 100 Jahre später waren es nur noch 40.000 bis 50.000. Schon nach kurzer Zeit war also die Hälfte der Maori-Bevölkerung verschwunden.

 

1840 wurde der Vertrag von Waitangi, ein Abkommen zwischen der britischen Krone und mehr als 500 Maori Häuptlingen, unterzeichnet. Dass die Maori mit diesem Vertrag über den Tisch gezogen wurden ist kein Geheimnis. Die Maori unterzeichneten eine Übersetzung des Vertrags: Es mag an der Übersetzung oder aber auch an ihrer völlig anderen Weltanschauung gelegen haben. Auf jeden Fall waren den Maori-Häuptlingen die Ausmaße dieses Vertrages sicher nicht bewußt. Mit der Aufarbeitung der Folgen des Vertrages von Waitangi ist Neuseeland noch heute beschäftigt.

Nichtsdestotrotz gilt der Treaty of Waitang auch heute noch als die “Geburt des Staates Neuseeland”. Die ersten europäischen Siedler kamen ein Jahr später, 1841, über die “New Zealand Oil Company” nach Neuseeland und siedelten sich in der Region Nelson an. Damit begann die Kolonialisierung Neuseelands.

Die Geschichte Neuseelands wurde lange Zeit total einseitig erzählt

Leider wurde die Geschichte Neuseelands viel zu lange nur aus der Sicht der Europäer erzählt. Captain Cook wurde lange als der “große Entdecker Neuseelands” gefeiert und ist hier allgegenwärtig: Sein Name findet sich in Straßennamen, Produktnamen, den Namen von Hotels, Schulen, Stadtteilen und vielem mehr. Der Aoraki/Mt Cook und die Cook Strait wurden nach ihm benannt und es stehen mehrere Statuen von ihm in Neuseeland. Die Maori können sicher nur darüber lachen, wenn in den Büchern steht, Captain Cook sei der “Entdecker Neuseelands”. Immernin siedelten ihre Vorfahren schon Jahrunderte bevor er ankam hier.

Hier ein Video über die “Tuia 250 commemorations”, die Feierlichkeiten zu Ehren der Seefahrer am 9.Oktober 2019 in Gisborne, mit Premierministerin Jacinda Ardern und den Nachfahren der Maori-Stämmen, die damals auf Captain Cook trafen:

In den Augen der Maori war Captain Cook ein Invasor und ein Mörder, der nur Unheil nach Neuseeland gebracht hat. Der Mann hat ihre Vorfahren erschossen, und bekam dafür auch noch Würden und ein Denkmal.

Erst 250 Jahre später hat die britische Krone dieses Jahr ihr Bedauern ausgedrückt, darüber, dass bei der Ankunft von Cook Maori ermordet wurden. Bedauern… Eine Entschuldigung war es nicht. Aber schon dieses offizielle Bedauern bedeutet den Nachfahren der damals Ermordeten sehr viel.

Neuseeland beginnt erst jetzt so langsam seine Geschichte aufzuarbeiten. Hatten die Briten das Recht nach Neuseeland zu kommen? Kolonialisierung bedeutet ein Land zu besiedeln und die dort lebenden Menschen zu unterwerfen bzw zu verdrängen. Das alles liegt erst ein paar Generationen zurück, die Maori fühlen sich gedemütigt und verletzt und die Geschehnisse sind erstaunlich schlecht erforscht.

Dieses Jahr hat die neuseeländische Regierung beschlossen, dass die Schulkinder ab 2022 neuseeländische Geschichte in der Schule lernen sollen. Bisher war das nämlich nicht der Fall! Das ist ein weiterer Schritt in die richige Richtung! Der Dialog hat begonnen, aber es gibt noch viel zu besprechen.

 

Die Informationen aus diesem Artikel habe ich nach bestem Wissen und Gewissen im Internet zusammengetragen, bzw über die Berichterstattung der Feierlichkeiten zum Jahrestag von Cooks Ankunft in Gisborne erfahren. Die Live-Sendung/Berichterstattung über die Feierlichkeiten “Aoetearoa 250”, mit vielen Interviews und historischen Berichten, kann man immernoch bei TVNZ ondemand ansehen. Natürlich spiegelt der Artikel auch meine persönliche Sicht auf die Dinge wider. Es gibt viele Seiten und Facetten der Geschichte Neuseelands und was inwiefern historisch korrekt ist bleibt noch zu klären.

 


Titelbild: "Endeavour, Thomas Luny 1768",Painting of the Earl of Pembroke, later HMS Endeavour, leaving Whitby Harbour in 1768, public domain work of art.