Mir fehlen ehrlich die Worte. Wirklich unfassbar was da passiert ist! Was diese Anschläge in Christchurch für mich so unbegreiflich macht, ist die Tatsache, dass es nicht den leisesten Anhaltspunkt gab, dass etwas so unfassbares in Neuseeland passieren könnte. Anders als zB in Deutschland gab es vorher keine Hetze, keine Diskussion in den Medien oder irgendetwas in der Richtung. Es kam vollkommen aus dem Nichts. Tatsächlich ist der Täter Australier und hat sich anscheinend nur deshalb Neuseeland als Ziel für seine Anschläge ausgesucht, weil hier wirklich niemand damit rechnen würde.

Anschläge in Christchurch

Blumen an der Gedenkstätte in Christchurch, © Nicolas Halkhoree

Das war auch die erste Reaktion der Neuseeländer: “Das sind nicht wir! Das ist nicht Neuseeland!”. Neuseeland versteht sich ganz klar als eine Nation von Einwanderern. Etwa 25% der Menschen, die in Neuseeland leben, wurden nicht hier geboren. Und selbst wer ein geborener Neuseeländer ist, hat Eltern oder Großeltern oder wenigstens Vorfahren, die nach Neuseeland eingewandert sind. Ein “Kiwi” ist per Definition “jede Person, die dauerhalt in Neuseeland lebt”, und es spielt keine Rolle, woher man kommt oder wo man geboren wurde. Eigentlich ist also fast jeder, der hier rumläuft quasi ein “Ausländer”. Auch wenn die Rufe nach einer Eindämmung der Zuwanderung lauter werden, ist doch eigentlich jedem Kiwi klar, dass die neuseeländische Wirtschaft ohne die ausländischen Fachkräfte nicht funktionieren würde. Die Zuwanderung ist ja schon stark reguliert (Fachkräfte, Familien-Nachzug und 1000 Flüchtling pro Jahr) und es kommen quasi nur gut ausgebildete Leute mit ihren Familien ins Land. Jeder neue Einwanderer ist ein zusätzlicher Steuerzahler, der mehr Geld in die neuseeländischen Steuerkassen spült.

Wie ein Anschlag mit 842 Opfern in Deutschland

Dieser Anschlag hat Neuseeland wirklich eiskalt erwischt und schwer getroffen. Eine liebe Freundin und Kollegin aus meiner Abteilung fehlte die ganze Woche bei uns im Büro. Sie gehört der kleinen muslimischen Gemeinde in Neuseeland an und kannte/kennt mehr als die Hälfte der Opfer der Anschläge und deren Familien persönlich. Einer der Getöteten war der beste Schulfreund ihres Mannes und war gerade erst Vater geworden.

Kein Außenstehender kann nachfühlen, wie sehr diese 50 Opfer aus ihren Familien und ihrem Freundeskreis heraugerissen wurden. Unvorstellbar, was es für eine so kleine Religionsgemeinschaft bedeutet, 50 Opfer beklagen zu müssen (nur etwa 1% der Kiwis sind Muslime). Hier kann man alles über die Opfer der Anschläge nachlesen. Neuseeland ist ein kleines Land mit gerade mal 4,9 Mio Einwohner. Das sind genauso viele Einwohner wie Köln und Berlin zusammen haben. In Neuseeland sind alle Menschen um 5 Ecken herum miteinander verbunden. Man kennt sich. Das bedeutet, dass eigentlich fast jeder, der hier lebt, irgendwie direkt oder indirekt von den Anschlägen betroffen ist. Ein Anschlag mit 50 Opfern in Neuseeland: Hochgerechnet auf Deutschlands Einwohnerzahl wären das 842 Opfern in Deutschland.

Blumen Anschlag in Christchurch

Blumen am Ort des Anschlags in Christchurch

Gibt es Rassismus in Neuseeland?

Darauf antworte ich mit “Ja, aber …”. Soweit ich weiß, sind Maori, Inder, Asiaten, Muslime und andere Randgruppen immer mal mit “Casual Racism” konfrontiert. Das hört sich harmlos an, aber natürlich ist keine Form von Rassismus akzeptabel! Da wird auf der Arbeit mal ein flotter Spruch über “die kleinen Inder” abgelassen oder der Bewerber mit dem asiatisch klingenden Namen trotz guter Qualifikation einfach nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Als es hier in Gisborne eine Einbruchs-Serie gab, meinte zB eine Frau in einem Facebook Post in einer Nachbarschafts-Facebook Gruppe, man solle diese “dunkelhäutigen Typen” im Auge behalten. Natürlich wurde das nicht so stehen gelassen und die anderen Mitglieder der Gruppe haben sich über diese pauschale Verdächtigung empört! Diese Form von Rassismus ist nicht gewalttätig, manchmal subtil aber richtig fies. Andere Randgruppen wie Homesexuelle haben wohl ähnliche Probleme. Ich hoffe, dass auch der letzte Kiwi aus dieser Tragödie lernt, dass auch “Casual Racism” Rassismus ist!

Kranz der German Society an der Gedenkstätte in Christchurch, © Nicolas Halkhoree

Kranz der German Society an der Gedenkstätte in Christchurch, © Nicolas Halkhoree

Eine Freundin von mir hier in Neuseeland, ist halb thailändisch/halb europäisch und musste sich wohl schon öfters auf die Zunge beißen, wenn neuseeländische Kollegen bei Ihr über “die Asiaten” abgelästert haben. Ihre asiatischen Wurzeln sieht man ihr nicht unbedingt an, und der Kollege hatte wohl keine Ahnung … Auf der anderen Seite, lebt und zelebriert die breite Masse der Kiwis “Multikulti”. Für mich ist Neuseeland das Land, wo viele Kulturen auf “neutralem Boden” friedlich zusammenleben. Jacinda Ardern hat in meinen Augen vollkommen professionell auf die Sache reagiert: Keine Kriegsrethorik. Kein “wir” und “die” sondern von “wir alle” ist die Rede. Neuseeland fühlt sich nach der Terror-Attacke so geeint wie eh und jeh.  Die Menschen hier zeigen Solidarität mit der muslimischen Gemeinde hier, weil das nicht nur ein Angriff auf Muslime war. Das war ein Angriff auf unser Wertesystem! Wir sind alle Kiwis. Egal welche Religion oder Kultur wir haben. Was ich zu dem Anschlägen von Christchurch sagen kann, ist auch nur das was man überall hört: So sind wir Kiwis nicht! Das ist nicht Neuseeland! Ja, auch wir haben unsere Probleme. Aber Neuseeland ist ein friedliches Land, in dem jeder seine Kultur ausleben kann ohne sich bedroht fühlen zu müssen.