Jury DutyVor etwa einem Monat erhielt ich vollkommen unerwartet einen Brief von Auckland High Court (Oberster Gerichtshof) mit der Überschrift “Jury Summons “. Darin wurde ich aufgefordert an einem gewissen Tag zum High Court in Auckland zu kommen um als potentielles Jury-Mitglied für eine Gerichtsverhandlung zur Verfügung zu stehen.
In Neuseeland gibt es Gerichtsverhandlungen mit einer 12-köpfigen Jury, so wie man es vielleicht aus US-amerikanischen Filmen kennt. Die Jury ist während aller Verhandlungstage anwesend, hört alle Zeugen und bekommt die Beweise dargelegt. Am Ende müssen sich die Jury-Mitglieder einigen ob der Beschuldigte schuldig oder nicht schuldig ist. Für das Strafmaß ist dann der Richter zuständig. Als Jury-Mitglied kann soweit ich weiss jeder über 18 mit Permanent Residency oder jeder volljährige Staatsbürger berufen werden. Anscheinend werden die Kandidaten zufällig von den Wählerlisten selektiert.

Als ich den Brief gelesen hatte war schnell klar, dass es sich um eine hochoffizielle Sache handelt aus der ich mich nicht so einfach rauswinden kann. Dort stand, dass eine der Verhandlungen in der Woche wo ich antreten musste etwa 4 Wochen dauern würde, eine anderer nur 1 Woche. Was? 4 Wochen am Gericht!??! Und was ist mit meiner Arbeit? Werde ich da bezahlt ?! Dieser Brief hat schnell viele Fragen aufgeworfen. 1000$ Strafe drohen jedenfalls wenn man einfach nicht hingeht. Ups!
Es war noch ein Antwortformular dabei wo Gründe aufgeführt waren die man vorbringen kann um nicht kommen zu müssen. Leider kam da für mich nichts in Frage und mit den meisten Ausreden (geplanter Urlaub zu der Zeit usw) kann man den Jury-Dienst ohnehin nur auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, nicht aber verhindern. Der beste Satz in der beiliegenden Broschüre war: “The jury selection process involves some waiting time. You might want to bring a snack.”

Als ich der Arbeit meinen Kollegen davon erzählte, haben die alle die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gelacht. Das sei total nervig, ich solle bloß zusehen, dass ich da irgendwie rauskomme. Aber was sollte ich denn machen? Nach einem Gespräch mit unserer HR-Frau war wenigstens die Frage mit dem Geld geklärt. Der Arbeitgeber muss Mitarbeiter unbedingt für Jury Duty freistellen, aber nicht unbedingt weiter bezahlen. Zum Glück ist meine Firma relativ groß und ich werde weiter bezahlt. Man erhält vom Gericht zwar 30$ pro halben Tag und Parkgebühren oder Kosten für Kinderbetreuung werden erstattet – aber ich verdiene etwas mehr als 60$ pro Tag! Unsere HR-Frau meinte, dass sogar Leute aus unserem Executive Team schon zur Jury Duty mussten. Erst hatten sie es immer wieder aus irgendwelchen Gründen verschoben, wurden dann aber immer wieder neu eingeladen. Entschuldigungen wie “ich hab in der Firma viel zu tun” zählen da wohl überhaupt nicht. Jury Duty ist in Neuseeland Bürgerpflicht.

Jury Panel Waiting Room

Wartesaal für das Jury-Panel

Losbox

Altertümliche Bingo-Trommeln

Na gut, dann bin ich also am besagten Tag um 9 Uhr am High Court in Auckland erschienen. Einen Snack hatte ich auch mitgebracht. Im Keller des Gerichtsgebäudes wurde ich mit etwa 100 anderen potentiellen Jury Mitgliedern (dem Jury Panel)  in einen Raum gepfercht und musste erstmal ganz viel warten. Dann wurden mit einer mittelalterlichen Bingo-Trommel und Namenskärtchen ca 40 Leute für die erste Verhandlung vorausgewählt. Das war die, die nur 4 Tage dauern sollte. Der Rest des Jury Panels inklusive mir wurden dem Mordfall zugeteilt, der 4 Wochen dauern sollte. Na toll! 4 Tage Gerichtsverhandlung wären ja vielleicht noch interessant gewesen, aber ich hatte definitiv keinen Bock 4 Wochen am Gericht rumzuhängen. Dann mussten wir nochmal sehr viel warten.

Gegen Mittag wurden wir dann wie Schafe quer durchs ganze Gebäude in den Gerichtssaal getrieben. Dort war viel zu wenig Platz und einige mussten vor der Tür stehen. Ich konnte zum Glück einen Stuhl im Saal ergattern. Im Gerichtssaal war die Verhandlung schon im vollen Gange. Der Richter, Verteidigung, 2 Beschuldigte und Staatsanwaltschaft warteten schon auf uns. Nur die 12 Sitze in der Jury Box waren noch leer. Jetzt kam wieder die Bingo-Trommel zum Einsatz: Die 12 Leute für die eigentliche Jury wurden ausgelost. Es wurde immer jeweils ein Name aufgerufen, die Person trat nach vorne und nahm einen Platz in der Jury Box ein. Wer aufgerufen wurde, aber einen Zeugen oder Beschuldigten persönlich kannte oder andere Bedenken hatte konnte nochmal verlangen vertraulich mit dem Richter zu sprechen.

Ich hab nur immer gebetet dass mein Name nicht aufgerufen wird. Die ersten Sitze der Jury Box füllten sich relativ schnell, aber dann wollte auf einmal fast jeder Aufgerufene mit dem Richter sprechen. Weil schon angekündigt war dass die Verhandlung mindestens 4 Wochen geht und man ja in dieser Zeit immer anwesend sein muss, konnten sich einige Leute noch rauswinden. Ich denke viele sagten sie hätten einen Urlaub gebucht, eine Prüfung fürs Studium oder was weiß ich. Konnte ja keiner ahnen dass es um eine Verhandlung geht die 4 Wochen dauert. Mein Eindruck war auch, dass niemand gezwungen werden sollte der nicht bereit war. Alle die vertraulich mit dem Richter sprachen wurden vom Jury-Dienst entlassen. Weil aber einer nach dem anderen entlassen wurde mussten immer mehr Namen gezogen werden. Zwei Jury-Mitglieder wurden von der Verteidigung ohne weitere Gründe abgelehnt und mussten sich wieder setzen. Ich denke es wurden insgesamt mindestens 40 Leute aufgerufen und ich bin auch meinem Stuhl immer weiter nach unten gerutscht: “Hoffentlich rufen sie mich nicht auf!”.

Zum Glück wurde ich tatsächlich nicht aufgerufen und bin nochmal davon gekommen… Obwohl: irgendeinen Urlaub in Fidschi hätte ich mir glaub ich auch noch ausgedacht um nicht 4 Wochen täglich in die Innenstadt von Auckland ans Gericht fahren zu müssen! Ich war froh am nächsten Tag wieder an meinem Schreibtisch in der Arbeit sitzen zu dürfen …
Hier gibts noch mehr Infos zur Jury Duty.