Die Neuseeländer sind ja bekannt für ihre innovativen, kreativen und manchmal auch etwas seltsamen Ideen. Dieser Erfindergeist und Einfallsreichtum hat sich als “Kiwi Ingenuity” in der neuseeländischen Kultur manifestiert. Aber warum bringt dieses kleine Volk am Ende der Welt so viele Innovationen hervor?

Alles fing an mit einem Draht: No 8 Wire ist ein 4mm dicker Draht aus dem früher auf neuseeländischen Schaffarmen die Zäune gebaut wurden. Dem entsprechend waren immer große Rollen dieses Drahtes verfügbar. Weil Neuseeland ein isolierter Inselstaat ist, musste alles über den Seeweg ins Land gebracht werden. Deshalb war es damals für die ersten Siedler sehr schwierig, schnell an Ersatzteile oder Werkzeuge ranzukommen. Ging etwas kaputt, musste man sich halt etwas einfallen lassen. So wurde Draht Nummer 8 dazu benutzt um alles mögliche zu reparieren und zu flicken.

Lower Queen Street in Auckland, New Zealand in 1919

Lower Queen Street in Auckland, New Zealand in 1919 (copyright: public domain)

Aber nicht nur der Zaundraht wurde zweckentfremdet. Neuseeländer hatten schon immer einen Sinn dafür, simple Dinge so miteinander zu verbinden, dass etwas vollkommen Neues daraus entsteht: So wurde zB 1911 der Strom für die Straßenlaternen im Stadtteil Brightwater in Nelson von einem kleinen Wasserkraftwerk erzeugt. Um die Straßenlaternen morgens und abends automatisch an-und auszuschalten, wurde neben das Wasserkraftwerk ein Hühnergehege gebaut. Das System funktionierte ganz einfach: Jeden Abend bei Dämmerung gingen die Hühner in den Hühnerstall und setzten sich auf ihre Stange. Durch ihr Gewicht wurde ein elektrischer Schalter umgelegt und die Straßenlaternen gingen an. Wenn die Hühner morgens bei Sonnenaufgang den Stall wieder verließen, schnappte der Schalter zurück und die Laternen gingen automatisch aus.

Heute steht der Ausdurck “Number 8 Wire” für das Improvisationstalent der Neuseeländer: Sie können mit wenigen, simplen Mitteln schwierige Probleme lösen! Und ihre “She’ll be allright” (ach das passt schon) -Mentalität hilft den Kiwis dabei. Aus deutscher Sicht wirkt diese unkonventionelle Art der Kiwis Probleme zu lösen oft etwas abenteuerlich.

Die Neuseeländer haben aber nicht nur drollige und skurrile Ideen. Sie bringen tatsächlich auch regelmäßig unglaubliche Erfindungen hervor,  die dann auf der ganzen Welt genutzt werden. Hier eine kleine Auswahl von cleveren Kiwis, die mit ihren Ideen weltbekannt wurden:

William Hamilton

Der neuseeländische Farmer William “Bill” Hamilton war nebenbei Erfinder und tüftelte in einer Scheune auf seiner Farm an seinen Erfindungen. Im Jahr 1954 wurde er weltberühmt, als er aus Sperrholz, einer Kreiselpumpe und einem 100 E Ford Motor das erste Jetboot baute. Diese Idee des Jetantriebs (Wasserstrahlantriebs) ist noch heute weltweit in Gebrauch: In Queenstown werden schon seit den 1960er Jahren Touristen mit so einem Jetboot durch den Canyon gefahren.

Shotover Jetboot im Shotover River

Shotover Jetboot im Shotover River Canyon by Alex Proimos (Creative Commons Attribution 2.0 Generic license)

A. J. Hackett

Der Kiwi Alan John Hackett war eigentlich Vertreter, ging von Haustür zu Haustür und verkaufte Lexika. In seiner Freizeit entwickelte er ein extrem belastbares Gummiseil. Mit eben diesem Gummiseil sprang er dann im Juni 1987 illegal von der zweiten Ebene des Eiffelturms in Paris! Das war die Geburtsstunde einer neuen Extremsportart: Bungee-Springen. Zuhause in Neuseeland machte der junge A.J. Hackett aus seiner Leidenschaft für Adrenalin-Kicks ein Geschäftsmodell: 1988 gründete er in Queenstown die Firma AJ Hackett Bungy und war der erste weltweit, der Bungee-Springen kommerziell anbot. Seit dem pilgern jedes Jahr tausende Touristen nach Queenstown, um sich beim Bungeespringen ihren Kick zu holen.

Peter Beck

Peter Beck wurde in Invercargill geboren. Angeblich hat er sich schon als Jugendlicher für Technik interessiert und einen Turbolader in seinen Mini Cooper eingebaut. Gleich nach dem Schulabschluss zog er nach Dunedin und arbeitete dort als Techniker bei Fisher & Paykel. Später, nach einer erfolgreichen Karriere in einem staatlichen Forschungsinstitut, gründete er 2006 die Firma Rocket Lab, deren Hauptsitz mittlerweile in die USA verlegt wurde. Mit Hilfe seiner Investoren konnte er 2009 die erste, auf der Südhalbkugel gebaute, private Rakete den Weltraum schießen. Dann wurde auf der Halbinsel Mahia bei Gisborne, Neuseeland, ein Startplatzes für Orbitalraketen errichtet, wo 2018 die erste Electron-Rakete in den Weltraum startete. Mit dieser Technik kann man viel günstiger zB Satelliten ins All befördern als bisher.

Rocket Labs Launch Complex 1, Mahia Halbinsel bei Gisborne, Neuseeland von Rodney Allen (Creative Commons Attribution 2.0 Generic license)

Peter Jackson

Auch der weltbekannte neuseeländische Regisseur Peter Jackson (Herr de Ringe + Hobbit) hat als kleiner Bastler in einem Hinterzimmer seiner Wohnung in Wellington angefangen. in den 1980er Jahren drehte er zusammen mit ein paar Freunden mehrere Low Budget Splatter-Horrorfilme mit selbstgebastelten Masken und Requisiten. Dafür bastelte er Messer, aus denen Blut spritzen konnte und realistisch aussehende Waffen aus Holz und Pappe.

Weil er kein Geld hatte, baute er sich außerdem mit einfachen Mitteln einen Kamerakran und einen Kameradolly mit Schienen, um seine Filmideen umsetzen zu können. Um auch beim Laufen die Kamera ruhig führen zu können, konstruierte er aus billigsten Materialen eine Steadycam.
Wer hätte gedacht, dass aus diesem findigen Kiwi-Tüftler mal ein Hollywood Regisseur werden würde! Heute produziert Peter Jacksons weltbekannte Filmwerkstatt Weta Workshop Requisiten und Special Effekte für große Hollywoodfilme.
Wer sehen will wie der junge Peter Jackson 1988 Filme gedreht hat. sollte sich diese geniale Dokumentation (Video) aus dem Jahr 1988 anschauen:


Dieses und andere tolle Videos aus Neuseeland findet ihr hier bei NzOnScreen.

Weitere Kiwis mit innovativen Ideen:

  • William Atack, der 1884 als erster Schiedsrichter beim Sport eine Trillerpfeife einsetzte, anstatt rumzubrüllen.
  • Der Physiker Ernest Rutherford, der 1919 den Nobelpreis für seine Arbeit über die Spaltung eines Atoms bekam. Heute ziert sein Bild die neuseeländische 100$ Banknote.
  • Leichtathletiktrainer Arthur Lydiard, der in den 1960er Jahren das Joggen erfand.
  • Maurice Wilkins, ein neuseeländischer Physiker und Biologe, der an der Entdeckung der DNA beteiligt war und dafür 1962 einen Nobelpreis erhielt.
  • Glenn Neal Martin der seit den 1980er Jahren in seiner Garage am Martin Jetpack tüftelte bis es serienreif war.
  • Grant Ryan, der Erfinder des Yike Bike

Diese und noch viele weitere Erfindungen von Kiwis findet ihr hier bei No 8 Rewired.

Neuseeland ist ein kleines Land, das viele kreative Köpfe hervorgebracht hat. Nur ist Neuseeland in dieser Hinsicht bisher viel zu bescheiden. Kiwis stehen eben nicht gerne im Rampenlicht. Sie tüfteln lieber still und leise in ihrer Scheune vor sich hin.

Hier noch ein tolles, offizielles Video über Innovation aus Neuseeland von NZStory:

 

Titelbild des Beitrags: Peter Jackson mit Kamera, Screenshot aus der Dokumentation “Good Taste Made Bad Taste”