Im Sommer macht Neuseeland richtig Spaß, aber nur wer Neuseeland im Winter erlebt hat kann wirklich mitreden. Alle sprechen immer von den schlecht isolierten Häusern und dass es keine Zentralheizung gibt. Nur wer selbst einen Winter in Neuseeland verbracht hat weiß was das wirklich bedeutet. Dieses Thema gehört sicher zu den Dingen die man als Auswanderer in Neuseeland eben hinnimmt, aber nicht an die große Glocke hängt.

Natürlich gibt es auch hier in Neuseeland tolle moderne isolierte Häuser, aber Wohnraum ist ohnehin kaum bezahlbar. Da kann man als Auswanderer am Anfang meist keine großen Ansprüche stellen. Markus und ich haben 4 Jahre lang zur Miete gewohnt und wohnen jetzt im Eigenheim. Erst jetzt können wir nach und nach versuchen uns einen “deutschen Standard” herzustellen: Doppelglasfenster, Isolierung und eine anständige Gasheizung mit der man das ganze Haus warm bekommt (auch nachts) ohne arm zu werden.

In vielen Kiwi-Häusern gibt es nur einen Holzofen oder eine Heatpump (Klimaanlage zum Heizen) im Wohnzimmer. Alle anderen Räume bleiben im Prinzip ungeheizt und über Nacht kühlt das Haus aus. Aus der deutschen Perspektive fällt ein altes neuseeländisches Holzhaus in die Kategorie “Gartenlaube”. Es gibt meist keine oder nur mangelnde Isolierung und einfachverglaste, zugige Fenster. Als Faustregel gilt wenn man morgens aufsteht: Innentemperatur = Außentemperatur +5°C. Auf der Südinsel und im Landesinneren wird es im Winter genauso kalt wie in Deutschland. In gemäßigteren Regionen wie Auckland heizen manche Kiwis gar nicht oder kaum obwohl es nacht auch unter 5°C kalt wird.

Die Idee einen Raum wirklich zu heizen ist hier auch nicht so weit verbreitet. An den hier gängigen Heizlüftern und Öfchen kann man sich bestenfalls ein wenig aufwärmen. Um einen ganzen Raum zu heizen sind die einfach zu schwach und treiben die Stromkosten zu sehr in die Höhe.
Ich mag den Winter in Neuseeland nicht. Es ist kalt und regnet viel und auf Facebook muss ich ständig Sommer-Sonne-Fotos von Freunden in Deutschland sehen. Über die Jahre hab ich mir einiges von den Kiwis abgeschaut. Hier ein paar Tipps wie man in Neuseeland im Winter überlebt:

1. Beim Temperaturgefühl nicht an den Kiwis orientieren

Oft kann ich nur den Kopf schütteln wenn ich im Winter draußen unterwegs bin: Wenn es kalt und windig ist und ich meine Winterjacke und einen Schal anhabe, sehe ich im Supermarkt trotzdem Kiwis im T-Shirt und Shorts oder Kinder ohne Schuhe (Kinderarmut ist leider ein ganz eigenes Thema!).

Am Anfang dachte ich igendwas stimmt nicht mit mir. Aber dann wurde mir bewußt, dass die Neuseeländer ja in diesen kalten Häusern aufgewachsen sind und ein ganz anderes Kälte-Empfinden haben als ich. Nach 6 Jahren in Neuseeland hat sich mein Kälte-Empfinden glaube ich schon ein wenig angepasst, aber wenn ich sehe wie die Kiwis die Kälte wegstecken… Das kann ich nicht! Und das werde ich auch nie können! Ich bin eine Frostbeule und stehe dazu!

Wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Kälte ist sehe ich auch täglich in der Kita.
Die Betreuerin: “Ich habe ihrem Sohn den Pullover und die Strümpfe ausgezogen. Das war ihm ja viel zu warm!” Ich so: “Waaaas…!?!”

Winter in Neuseeland

Kinder spielen barfuß mit kurzen Hosen am Meer bei 10°C und einer kalten Brise, Gisborne

2. Südwind bedeutet in Neuseeland Kälte-Einbruch

Cold-Snap ist das neuseeländische Wort für Kälteeinbruch. In Deutschland war mir nie wichtig aus welcher Richtung der Wind weht. Hier in Neuseeland habe ich gelernt bei der Wettervorhersage genau drauf zu achten woher der Wind bläst und wann er sich dreht. “Southerly” bedeutet Südwind und verheisst nichts Gutes. Kommt der Wind aus Richtung Süden bringt er die kalte Luft direkt aus der Antarktis nach Neuseeland. Und weil Neuseeland nur eine kleine Insel im Ozean ist dreht sich der Wind oft auch innerhalb kürzester Zeit. Auch deshalb habe ich lieber eine Jacke zuviel dabei als zu wenig.
Zum Glück ist das Wetter in Neuseeland im Winter eigentlich ganz ok. Nur ab und zu haben wir eben so einen fiesen Cold-Snap mit lang anhaltendem Südwind. Dann muss man 2 oder 3 Tage die Zähne zusammenbeißen und sich warm halten. Aber dann ist es auch wieder vorbei.

3. In Neuseeland kleidet man sich nach der Zwiebel-Methode

Ist dir kalt, dann hast Du einfach zu wenig an! Als deutsches Zentralheizungskind ist man gewohnt im Winter vielleicht ein Hemtchen mehr anzuhaben als im Sommer. Das funktioniert in Neuseeland im Winter eher nicht. Thermo-Unterwäsche ist ein guter Anfang und ansonsten trägt man am besten mehrere Schichten Kleidung die man nach Bedarf an-und ausziehen kann.

4. In Neuseeland ist Bademantel = Hausmantel

Morgens bei 13°C Raumtemperatur aufzustehen und Frühstück zu machen ist kein Spaß (Wie gesagt: Es gibt keine Zentralheizung). Ist das Haus ausgekühlt dauert es ewig bis man es wieder warm bekommt. Deshalb macht es eigentlich keinen Sinn morgens vor der Arbeit den Holzofen anzuschüren: Bis es warm ist muss man dann eh schon los.

Deshalb war ich morgens vor der Arbeit zuhause immer gerne im Bademantel unterwegs. Der Bademantel ist in Neuseeland im Winter ein durchaus gesellschaftlich akzeptiertes Kleidungsstück! Selbst im Supermarkt und auf der Straße sieht man Leute im Bademantel.

Winter in Gisborne, Winter in Neuseeland

Junge Frau im Bademantel mit Gummistiefeln in der Fußgängerzone am Bankautomat, Winter in Gisborne

5. Wunderwaffe Heizdecke

Meine Oma in Deutschland hatte eine Heizdecke, aber ich wäre niemals auf die Idee gekommen mir sebst eine Heizdecke zu kaufen. Es kann ja nicht gesund sein auf einem eletrischen Feld zu schlafen, oder? Bei den Kiwis steht die elektrische Heizdecke hoch im Kurs: Wer es sich nicht leisten kann das Schlafzimmer auf “normale Schlaftemperatur” zu heizen, der heizt wenigstens sein Bett. Das Bett lässt sich eben einfacher heizen als ein Zimmer. Ich komme bisher ganz gut ohne Heizdecke aus, aber ganz so doof ist die Idee eigentlich nicht.

6. Finde dich damit ab nass zu werden

Einen Schirm benutze ich hier eigentlich kaum. Das Wetter wechselt in Neuseeland im Winter so schnell, dass man meist einfach keinen dabei hat wenn es losregnet. Außerdem ist es windig und der Regen kommt dann horizontal. Da kann man sich den Regenschirm getrost schenken. Eine wasserfeste Softshell-Jacke mit Kaputze ist aus meiner Sicht die beste Ausrüstung in Neuseeland im Winter. Da hat man bei Wind und Regen die Hände frei und wird trotzdem nicht nass.

7. Ein Dehumidifier ist eine gute Investition

Das Problem mit den ungeheizten Räumen und der Einfachverglasung ist, dass man auf einmal ungeahnte Mengen von Kondenswasser in der Wohnung hat. Sobald die Raumtemperatur unter einen gewissen Wert fällt schlägt sich die Feuchtigkeit aus der Luft an Fenstern und anderen kalten Flächen nieder.

Wo es klamm und feucht ist, da ist natürlich auch der Schimmel nicht weit. Ein Dehumidifier filtert die Luft und entzieht ihr die Feuchtigkeit. Das hilf ein wenig dabei die Luftfeuchtigkeit im Griff zu halte. Ein Kiwi-Kollege hat mir erklärt er nutzt den Dehumidifier im Schlafzimmer zum heizen…? Ja, mag sein, dass die Luft die da rauskommt 1°C wärmer ist als die Luft die er ansaugt, aber zum Heizen taugt so ein Gerät eigentlich nicht.

Winter in Neuseeland: Wasser an der Einfachverglasung

Einfachverglasung bedeutet jede Menge Kondenzwasser an den Scheiben

8. Im Winter einen Urlaub einplanen

Viele Kiwis machen im Winter Urlaub in der Südsee. Dort ist jetzt Hauptsaison: Strand und Sonne sind nur ein paar Flugstunden entfernt. Die Cook-Inseln, Tonga usw sind sozusagen das neuseeländische Mallorca. Auch ein Urlaub in Deutschland bietet sich im Winter an: Immerhin ist dort jetzt Sommer!
Leider ist ein Urlaub in Übersee bei dem neuseeländischen Einkommensniveau und den Lebenshaltungskosten schon eher Luxus. Das kann sich nicht jeder leisten. Viele junge Neuseeländer verlassen Neuseeland zum ersten Mal wenn sie nach der Schule ihre “Overseas-Experience” antreten.

9. In Neuseeland feiern wir Mid-Winter Christmas

In Deutschland ist der Winter die Zeit der kuscheligen Abende zuhause mit Glühwein, Plätzchen und Hirschgulasch. Zur Weihnachtszeit dekoriert man sich seine Wohnung schön und macht es sich mit leckerem Essen zuhause gemütlich. So kann man sich den Winter zumindest eine Weile lang schönreden. Weil Weihnachten in Neuseeland leider in den Sommer fällt fehlt diese Gemütlichkeit irgendwie. Deshalb feiern viele Leute auf der Südhalbkugel einfach eine Art “Ersatz-Weihnachten” im Juli: Mid-Winter Christmas. Man stellt einen Weihnachtsbaum zuhause auf oder macht es sich einfach nur so gemütlich.

10. Der neuseeländische Winter ist kurz

Das Beste am neuseeländischen Winter ist, dass er ziemlich kurz ist. Erst im Mai werden die Temperaturen merklich kühler. Die kälteste und dunkelste Zeit ist im Juli. Ab August kann man sich dann langsam auf den Frühling freuen und im September gibt es schon die ersten Tage mit T-Shirt-Wetter. Nachts und ohne Sonne ist es noch länger kühl aber selbst im tiefsten Winter gibt es warme sonnige Tage. Während man in Deutschland im Winter ja oft wochenlang die Sonne nicht sieht, kam man in Neuseeland im Winter manchmal sogar mit T-Shirt rumlaufen weil die Sonne so warm ist… also ich spreche jetzt von mir… Die Kiwis machen das ja immer.

Neuseeländer ignorieren den Winter quasi. Er ist so kurz, dass es sich in ihren Augen nicht lohnt die Häuser winterfest zu machen. Das Life Swap Video “The Winter Deniers” zeigt ganz treffend wie unterschiedlich Deutsche und Kiwis Neuseeland im Winter wahrnehmen.

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